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Nachrichten aus der archäologischen Forschung

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Tübingen

Foto: Pixabay.de
Beweglicher Daumen ebnete den Weg zur menschlichen Kultur

Präzise Greifen und grazilere Werkzeuge herstellen: Vor rund zwei Millionen Jahren könnte die Entwicklung hin zum beweglichen Daumen begonnen haben. Die bessere Feinmotorik verschaffte den ersten Menschen einen evolutionären Vorteil. Lesen hier die Forschungsergebnisse der Tübinger Professorin Katerina Harvati:

Die Beweglichkeit seines Daumens verschaffte dem Menschen entscheidende Vorteile in der Evolution. Präzises Zugreifen machte es den frühen Menschen möglich, bessere Werkzeuge herzustellen und unter anderem ihr Nahrungsspektrum zu erweitern. Dass diese Entwicklung vor rund zwei Millionen Jahren begonnen haben könnte, zeigt ein interdisziplinäres Forschungsprojekt unter Leitung von Katerina Harvati, Professorin für Paläoanthropologie am Senckenberg Centre for Human Evolution and Paleoenvironment (SHEP) der Universität Tübingen.

Studie zur Fingerfertigkeit und händische Geschicklichkeit: Forscher in Tübingen, Basel und Athen waren beteiligt

In einer Studie berechnete das Team, ausgehend von fossilen Daumenknochen, mit virtuellen Modellierungen erstmals die Fingerfertigkeit und händische Geschicklichkeit verschiedener Menschenformen. Die Arbeit wurde in Kooperation mit dem Hertie Institut für Klinische Hirnforschung (HIH), dem Naturhistorischen Museum Basel und der Medical School of Athens durchgeführt. Die Ergebnisse wurden am Donnerstag in der Fachzeitschrift Current Biology veröffentlicht.

Pinzettengriff: Nun konnte der Mensch Steinwerkzeuge herstellen

Die systematische Herstellung und Verwendung von Steinwerkzeugen gelten als ein entscheidendes Wesensmerkmal des Menschen und als ein Grundstein für seine biokulturelle Evolution. Beides hängt eng mit einer zunehmenden feinmotorischen Geschicklichkeit der Hände und der Fähigkeit zum sogenannten Pinzettengriff zusammen – entscheidende Entwicklungen für die Evolution des Menschen. Dennoch ist bislang unklar, wann und bei welcher Menschenform die Entwicklung feinmotorischer Fähigkeiten zum ersten Mal auftrat, und welche Rolle diese neuen Fertigkeiten bei der Weiterentwicklung der Kultur spielten.

Alte Knochen und dreidimensionale Scantechnologie

Um diese Forschungslücke zu schließen, verfolgte das Team einen neuen integrativen Ansatz: Mit einer dreidimensionalen Scantechnologie verglichen die Forscherinnen und Forscher die Daumenknochen verschiedener Menschenformen, darunter frühe anatomisch moderne Menschen, Neandertaler, Australopithecinen und der Homo naledi. Mit einem neuen biomechanischen Modell berechneten sie dann die jeweiligen Kräfte der Daumenmuskeln, um daraus auf die Geschicklichkeit der Daumen zu schließen. Zusätzlich wurden die Daten mit dem Daumeneinsatz heutiger Menschenaffen abgeglichen.

Menschen und Vormenschen: Wie effizient ist die Opponierbarkeit des Daumens?

„Unser Ansatz konzentriert sich darauf, wie effizient die sogenannte „Daumenopposition" war. Die Stellung des Daumens gegenüber den anderen Fingern gilt als menschliches Merkmal und ist essentiell für Pinzettengriff und Werkzeuggebrauch", erklärt Dr. Alexandros Karakostis, Erstautor der Studie und Experte für Handbiomechanik. „Zum ersten Mal konnten wir einbeziehen, welchen Einfluss die Form des Daumenknochens und des Muskelgewebes haben, das bei Fossilfunden nicht mehr erhalten ist, sondern erst rekonstruiert werden musste. So ließ sich die Geschicklichkeit verschiedener fossiler Menschenformen vergleichen."

Bemerkenswert großes Geschick: Handknochen aus der Swartkrans-Höhle

Ein bemerkenswert großes Geschick zeigten die Analyse-Ergebnisse für die etwa zwei Millionen Jahre alten Handknochenfossilien aus der Höhle Swartkrans in Südafrika. „Diese Epoche ist mit entscheidenden Entwicklungen verbunden", sagt Katerina Harvati.„Unter anderem trat hier Homo erectus mit einem größeren Gehirn auf. Der Werkzeuggebrauch fand auf einem höheren Niveau statt, insgesamt lässt sich eine größere kulturelle Komplexität beobachten."

Niedrige Daumeneffizienz: Die Australophitheciden waren noch nicht so geschickt

Für ältere Formen des Menschenvorläufers Australopithecus, die bislang als die frühesten, vermutlich werkzeugherstellenden Vormenschen galten, stellte die Studie eine eher niedrige Daumeneffizienz fest, vergleichbar mit der heutiger Menschenaffen. Dies war auch bei der etwas jüngeren Form Australopithecus sediba der Fall, obwohl diese über menschenähnliche Daumenproportionen verfügt.

Neandertaler, Homo Naledi, früher "Jetztmensch": Daumen-Effizienz war beträchtlich

Im Gegensatz dazu zeigten jüngere Menschenformen wie der Neandertaler, der Homo naledi und der frühe Homo sapiens alle ein ähnlich hohes Niveau der Daumeneffizienz. „Die Daumen-Oppositions-Effizienz war in der Gattung Homo also durchgehend beträchtlich", fasst Katerina Harvati zusammen. „Dies unterstreicht, wie wichtig dieser evolutionäre Vorteil für die biokulturelle Weiterentwicklung des Menschen war."

Original-Publikation:


Fotios Alexandros Karakostis, Daniel Haeufle, Ioanna Anastopoulou, Konstantinos Moraitis, Gerhard Hotz, Vangelis Tourloukis, Katerina Harvati: „Biomechanics of the human thumb and the evolution of dexterity". Current Biology, DOI: 10.1016/j.cub.2020.12.041

Erstveröffentlichung: 02.02.2021-11:49


Nachrichten aus der Region Neckar-Alb

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Feierliche Übergabe des Geo- und Umweltforschungszentrums Finanzstaatssekretärin Gisela Splett und der Ministerialdirektor des Ministeriums für Wissenschaft, Forschung und Kunst, Ulrich Steinbach, haben diese Woche das neue Forschungsgebäude für die Geo- und Umweltwissenschaften offiziell an die Universität Tübingen übergeben. Auf rund 10.000 Quadratmetern bietet der neue Foschungsbau Platz für Labore, Werkstätten, Seminarräume, Hörsäle sowie Büros. Aber sehen Sie am besten selbst.
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Spürbares Erdbeben Um 18:37 Uhr bebte am Sonntagabend die Erde in der Region. Das Epizentrum lag zwischen Jungingen und Hechingen im Zollernalbkreis. Die Stärke des Bebens wird mit 3,7 beziffert - und war auch in Tübingen und Reutlingen spürbar. Viele Menschen teilten ihre Erlebnisse in den sozialen Medien. Für die Menschen im Zollernalbkreis hingegen ist das leichte Beben nahezu nichts Besonderes - denn hier kommt es regelmäßig zu kleineren Erdbeben.
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Wissenschaftlerin erhält Leibniz-Preis Die Tübinger Forscherin Katerina Harvati hat den Leibniz-Preis erhalten. Die Paläoanthropologin forscht vor allem über die Neandertaler und den frühen Homo Sapiens.

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